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Eine Riesensauerei ...

Unverdrossen und zu allem entschlossen kämpfen drei kleine Gemeinden des Landkreises Parchim gegen den geplanten Bau einer Schweinezucht- und mastanlage auf ihrem Land. Das Genehmigungsverfahren läuft. Noch ist offen, ob die Anlage für etwa 16.000 Tiere gebaut wird. Bürgerinitiativen und Umweltverbände erheben Einwendungen. Die Idylle trügt. In Dargelütz, Grebbin und Hof Bergrade brodelt es. Hier steht die Kirche noch im Dorf, wie es heißt. Jeder kennt jeden und man weiß Bescheid. Jedenfalls weiß man, was man nicht will. Und so stieß denn auch das Ansinnen eines niederländischen Investors, hier auf den herrlichen Kuppen der Sander eine Schweinemastanlage (SMA) mit 15.823 Tierplätzen zu errichten, auf Ablehnung der Menschen. Die Einwohner der 3 meistbetroffenen Gemeinden ließen sich nicht locken. Zirka 8 Arbeitsplätze rechtfertigen vielleicht doch nicht die 40.000m3 Gülle, die jährlich auf Gemeindeland versickern sollen. Und was genau ist eigentlich so eine SMA/SZA mit 15.823 Tierplätzen? Die geplante, potentielle Anlage bei Dargelütz funktioniert als geschlossenes System. Hier werden Ferkel geboren und als Mastschweine verkauft. Der Maststall umfaßt 9.180 Tierplätze. Dreimal im Jahr wird er neu befüllt. Ein Mastschwein in M-V wiegt etwa 91kg. Das heißt, die täglichen Gewichtszunahmen belaufen sich auf etwa 600-800g. Es wird eine computergesteuerte Flüssigfütterungsanlage installiert. Die Tiere stehen einstreulos auf Vollspaltenböden. Fäkalien und Urin tropfen durch diese Roste und werden in Güllewannen aufgefangen. Etwa alle 70 Tage werden die Güllewannen entleert und der Güllestrom ergießt sich unterirdisch über Güllekanäle in die Güllehochbehälter. Einem Mastschwein stehen 0,75m2 zur Verfügung. Das sind 0,15m2 mehr als vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Es gibt eine Fülle technischer Normen, baulicher Mindestgrößen und betriebsplanerischer Richtwerte. Alles ist gesetzlich haarklein beschrieben und somit abgesichert. Rechtfertigen kann diese Form der Tierhaltung jedoch auch nicht die ausgefeilteste technische Norm! Und das nicht nur wegen der oft zitierten Bedenken der Bevölkerung hinsichtlich der Geruchsemissionen (Gestank). Auch aus ökologischer und ethischer Sicht sind erhebliche Bedenken gegen eine derartig intensive Massentierhaltung anzumelden. Natürlich, Umweltschützer und andere Zartbesaitete vergessen immer wieder, daß Tierproduktion eben hauptsächlich Produktion und somit gewinnorientiert ist. Und wirklich: der Schweinemarkt ist heiß umkämpft. Da konkurrieren die Vorpommern mit den billigeren Niederländern, Dänen, Spaniern und Amerikanern. Jedes hier gehaltene Schwein muß billiger sein als die Konkurrenz aus Übersee. Der Fleischmarkt wird zunehmend globalisiert. Da bleibt für Tier- und Umweltgerechtheit keine Zeit. Will man sich wirtschaftlich behaupten, kann eben nur so intensiv-billig gewirtschaftet werden, wie es derzeit geschieht. Was zählt im Kontext der Wirtschaftlichkeit schon das bißchen Lebensraum ringsum? Umweltschädigende Wirkungen der Landwirtschaft werden von jeher verschwiegen und verschleiert. Im Gegenteil. Getreu dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung, wird von Seiten des Landwirtschaftsministeriums immer wieder auf die ökologischen Leistungen der Landwirtschaft aufmerksam gemacht. Im Vergleich zur Chemischen Industrie oder zum Braunkohleabbau mögen diese Leistungen ja vorhanden sein... Aber es ist doch ebenso erwiesen, daß unsere Landwirtschaft im Bundesdurchschnitt mit Stickstoffüberschüssen von 140kg pro Hektar und Jahr arbeitet, daß dadurch das Grundwasser stark belastet wird, daß die Luft stark mit Stickstoffverbindungen und nicht zuletzt mit Klimagasen überfrachtet wird. In der Folge kommt es zu immer stärkerem Nährstoffeintrag in die Landschaft. Es ist kein Zufall, daß die meisten gefährdeten Pflanzen, Tiere und Lebensräume auf nährstoffarme Verhältnisse angewiesen sind. In diesem Kontext kann unsere derzeitige Landwirtschaft nun tatsächlich nicht als umweltgerecht bezeichnet werden.

Umweltschäden

Die geplante Anlage bei Dargelütz stößt mit der Stallluft etwa 40t Ammoniak im Jahr aus. Dieser Ammoniak führt zu Nährstoffüberschüssen in nahegelegenen Biotopen. Da hilft es auch nichts, daß etwa 10 Biotope nach §20 des Landes-Naturschutz-Gesetzes geschützt sind. Außerdem wirkt Ammoniak direkt als Pflanzengift und versauert den Boden. Kurz, im näheren Anlagenumfeld wird sich das Erscheinungsbild der Vegetation und der Tierwelt drastisch uniformieren. Aber auch die ausgewiesenen Gülleflächen (etwa 1.100ha), die rings um die Ortschaften Dargelütz, Grebbin und Hof Bergrade liegen, werden stark belastet. Neben Bodenverdichtung ist hier vor allem der Stoffverlust durch Auswaschung und Entgasung von Gülleinhaltsstoffen ökologisch äußerst bedenklich. Die Grundwasserqualität wird vor allem durch Nitrat- und Ammoniumeintrag herabgesetzt. Ammoniakemissionen verfrachten Stickstoff in angrenzende Bereiche und das klimarelevante Lachgas wird in erheblichem Umfang frei. Bei Dargelütz nun werden durch den Betrieb der geplanten Anlage insbesondere die Quelle der Warnow und das NSG „Großes Moor bei Darze„ bedroht. Offensichtlich ist dem Investor entgangen, daß etwa 50% der von ihm nachgewiesenen Gülleflächen im Wassereinzugsgebiet des NSG „Großes Moor bei Darze„ liegen.

Die Umweltverträglichkeit der Unternehmer

Und weil auch die Genehmigungsbehörden um derartige Gefahren wissen, sind Anlagen mit mehr als 2.000 Mastplätzen oder mehr als 750 Sauen oder mehr als 6.000 Ferkeln oder mit Güllebehältern, die mehr als 2.500m3 fassen, nach dem Bundes-Immissionsschutz-Gesetz genehmigungspflichtig. Das heißt, es sind Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) durchzuführen. Im Falle des Standortes Dargelütz kam die Umweltverträglichkeitsstudie (UVS), trotz ca. 10 geschützter Biotope und einiger Rote-Liste-Arten im näheren Untersuchungsrahmen (Radius von 500m) rund um die Anlage zu dem optimistischen Schluß, daß alle voraussichtlich stattfindenden Schädigungen durch geeignete Ersatzmaßnahmen ausgleichbar seien. Die Problemgebiete der Warnowquelle und des NSG „Großes Moor bei Darze„ wurden nicht näher untersucht. Natürlich wird eine UVP/UVS wohl immer zu ähnlichen Ergebnissen kommen, ist es doch der Investor, der die meist freien Ingenieurbüros beauftragt und bezahlt. Sollte mal eine UVP nicht im Sinne des Auftraggebers sein, so kann eine neue UVP in Auftrag gegeben werden, solange bis das Ergebnis stimmt... Jedes Büro, das wirtschaftlich überleben will, ist somit gut beraten, im Sinne des Auftraggebers zu interpretieren. Aber auch bei durch die UVP ausgewiesener Unbedenklichkeit einer geplanten Anlage ist noch nichts verloren. Denn in unserer stolzen Demokratie müssen alle Planungsunterlagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, können die Öffentlichkeit und anerkannte Umweltverbände ihre Einwendungen formulieren. Es kommt alsdann zu einer öffentlichen Anhörung, wo sich Investor und Einwender gegenüber sitzen. Die Genehmigungsbehörde (das jeweilige Staatliche Amt für Umwelt und Natur) fungiert als Moderator in einer neutralen Position. Im Diskurs sollen alle Bedenken der Einwender ausgeräumt werden. Im Fall von Dargelütz, Grebbin und Hof Bergrade findet die öffentliche Anhörung Ende März statt. Nach der Gründung der Bürgerinitiative wurde ein in diesen Dingen versierter Rechtsanwalt mit der Formulierung der Einwendungen beauftragt. Dazu wurde ein unabhängiges Gutachten zu ökologischen Auswirkungen der geplanten Schweinemastanlage angefertigt. Ob die Einwender Erfolg haben oder nicht, bleibt abzuwarten.

Landesregierung für Massentierhaltung

Denn Tatsache ist, daß trotz aller ethischen und ökologischen Bedenken und auch trotz aller Skandale rund um die Massentierhaltung die offizielle Landwirtschaftspolitik weiter auf hochintensive Produktionsverfahren setzt. Ausdruck dafür ist der „Leitfaden zur weiteren Entwicklung einer tier- und umweltgerechten Schweineproduktion in Mecklenburg-Vorpommern„, der 1999 vom Landwirtschafts- und Umweltministerium des Landes gemeinsam herausgegeben wurde. Mit immer gleichen Arbeitsplatzargumenten wird hier die Notwendigkeit weiterer Massentieranlagen begründet und sollen weitere Investoren gelockt werden. Dabei waren 1999 in M-V geradeeinmal 23.661 Menschen im landwirtschaftlichen Bereich beschäftigt. Das sind 1,5 Arbeitskräfte auf 100ha und damit ein erheblich niedrigerer Arbeitskräfteaufwand als in den alten Bundesländern (4,6Arbeitskräfte auf 100ha)! Die niedrigen Fleischpreise zwingen die Erzeuger zu immer weiterer Intensivierung. Alternativen in der Tierproduktion gibt es zwar rein theoretisch, sie werden aber aus wirtschaftlichen Gründen meist vom Tisch gefegt. Schon die Haltung von Schweinen auf Stroh hätte einen positiven Umwelt- und Arbeitsplatzeffekt. Gülle würde nicht mehr anfallen. Mehr Arbeitskräfte würden gebraucht. Gewinn könnte ohne Preissteigerung jedoch nicht mehr eingefahren werden. Das liegt eben daran, daß unsere Märkte offen sind. Weil, wenn irgendwo auf der Welt ein Fleischproduzent sein Fleisch billig-intensiv produziert, er so alle anderen zwingt, gleich billig und intensiv zu produzieren. Das sind die Gesichter von Marktöffnung und Globalisierung, die kurze und geschlossene Kreisläufe verhindern. Wohin dieser Wahnsinn (im wahrsten Sinne des Wortes) führt, ist uns vielleicht seit der BSE-Krise und sonstigen Tierhaltungsskandalen der letzten Zeit bewußter geworden. Die Antwort kann nur eine dezentrale, extensive, regionale und eben arbeitskraftintensive Nahrungsmittelproduktion sein. Eine wirklich flächendeckende, ökologisch nachhaltige Landwirtschaft ist zur Zeit reinste Utopie. Doch letztendlich steht jeder Esser in persönlicher Verantwortung, einen höheren Preis für seine Nahrung zu bezahlen oder eben nicht. Allein durch den Kauf einheimischer Produkte kann der hiesigen Bauernschaft geholfen werden. Die Grebbiner, Dargelützer und Hof Bergrader hoffen jedenfalls auf eine Wende in der Agrarpolitik!

Hagen Koksch


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