Leon Gieco - "Ausgeschaltet"

Der argentinische Liedermacher Leon Gieco dürfte für viele kein Unbekannter sein. Seine neue CD ist für alle, die sich für Folklore- Pop interessieren, nur zu empfehlen. "Desenfuchado"- zu deutsch "Ausgeschaltet". Das Gemeinsame all dieser Lieder ist, daß sie uns in die Gedankenwelt von Menschen führen, die sonst nur selten eine Stimme haben, um sich zu äußern. Sie stehen für das Lebensgefühl der Ausgenutzten und Ausgegrenzten in aller Welt. Deutlich wird dies zum Beispiel in dem Lied "Das Gespenst von Canterville", das 1977 von Charly Garcia geschrieben wurde. "Nie mehr werd ich mich um das Gesicht der anderen kümmern, diese idiotische Maske, die einen ständig rückwärts zieht." Denn "jetzt, da ich draußen bin, weiß ich, was Freiheit ist". Hier äußern sich wahrlich andere Gedanken von Freiheit als jene, welche uns täglich aus dem Munde derjenigen entgegenquellen, die aus jeder Art von Ungerechtigkeit ihren Nutzen zu ziehen verstehen, und die ihren krassesten Ausdruck in dem "Lied von den Mosquitos" finden. Doch Freiheit ist "Dort, wo der Wind innehält, wo Frieden ist oder Zeit nicht exisitiert" (in: "Das Land der Freiheit"). Gefühle der Trauer und Verzweiflung kommen in "Die Bauern von Dragones" zur Sprache, das Leon im Jahre 1976 zum Gedenken an Victor Jara schrieb. "Der Condor weinte", und "Tausend Gedichte schrieen", als sie den Dichter massakrierten. Dort, wo von oben herab Verhältnisse installiert werden, ungeachtet dessen, ob es der Masse der Bevölkerung nutzt, soll das Denken gelähmt werden. Doch fallen gerade dem Außenstehenden, dem "Ausgeschalteten", scheinbar normale Kuriositäten im Alltag auf, und er fragt sich, ob es nicht in der weitab gelegenen Einsamkeit weniger schmerzhaft ist zu denken ("An nichts denken"). Als Höhepunkt möchte ich das Lied "Die Kultur ist das Lächeln" bezeichnen, das eine unsagbar mitreißende Wirkung hat. Die Kultur äußert sich in vielen unscheinbar kleinen Dingen, in einem Lächeln, einer Blume, einer Mutter, einem Freund, oder "sucht vielleicht Zuflucht in harten Arbeiterhänden". Ohne Kultur kann der Mensch nicht leben. Anfang 1980, als die Universität von Lujan geschlossen wurde, schrieb Leon dieses Lied und sang es dort erstmalig vor den Studenten. Das Militär legte ihm nahe, es zu vergessen. International bekannt und auch von Mercedes Sosa i ihr Repertoire aufgenommen wurde das Lied "Solo le pido a dios" ("Alles was ich von Gott erbitte"). Mögen uns nicht die Ungerechtigkeit noch die Zukunft gleichgültig sein. "Es lohnt sich immer", sagt Leon, "zu unseren wahren Träumen zurückzukehren und sie niemals aufzugeben."

Monika Linke


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